Interview mit unserer Expertin Rebecca Ehrengruber
Nachhaltigkeit ist in der Lebensmittelbranche kein Nebenschauplatz, sondern von zentraler Bedeutung. Wir haben mit unserer Kollegin Rebecca Ehrengruber, Beraterin für Nachhaltigkeitsstrategie, über branchenspezifische Chancen und Herausforderungen gesprochen.
🎤 Was macht die Lebensmittelbranche im Kontext Nachhaltigkeit besonders?
Die Branche ist stark im Fokus: Ernährung ist ein emotionales Thema, das alle betrifft. Entsprechend vielfältig sind die Stakeholder und deren Anforderungen: Verbraucher:innen, Lieferanten aus der Landwirtschaft, NGOs und der Lebensmitteleinzelhandel – und natürlich auch die Gesetzgebung. Unternehmen der Lebensmittelbrache müssen sich auf eine hohe Sichtbarkeit einstellen. Das bietet aber auch Chancen: Nachhaltigkeit kann zum Markenkern werden und sich so als Wettbewerbsvorteil auszahlen.
🎯 Welche Themen sind in der Branche besonders relevant?
Unsere Erfahrung zeigt, dass sich Unternehmen der Lebensmittelbranche mit vielfältigen Themen befassen. So spielt sowohl im Handel als auch in der Produktion die Reduktion von Lebensmittelverlusten eine wichtige Rolle.Es wird außerdem daran gearbeitet, den Sweet Spot zwischen möglichst wenig Verpackungsmaterial bei guter Produktsicherheit zu finden, um Ressourcen insbesondere Plastik einzusparen. Hinsichtlich der sozialen Dimension ist wie in allen produzierenden Unternehmen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zentral, sowie die Positionierung als attraktiver Arbeitgeber zur Gewinnung und Bindung von Mitarbeitenden.
🚧 Wo liegen die größten Herausforderungen?
Herausforderungen liegen vor allem darin sich in einem Geflecht aus komplexen Anforderungen, insbesondere regulatorischer Natur, zurecht zu finden, diese zu verstehen und den Überblick zu behalten. Auch die Erhebung von Kennzahlen und der Aufbau einer Managementstruktur für Nachhaltigkeit kann zunächst herausfordernd sein und Ressourcen beanspruchen. Langfristig zeigt sich jedoch der wirtschaftliche Nutzen – durch den Aufbau von Strukturen, die Verbindung von Abteilungen und die übergreifende Kennzahlenerhebung im Nachhaltigkeitsmanagement entsteht oft ein gestärkte Unternehmensstruktur, die sich positiv auf alle Bereiche auswirkt.
🛒 Welche Rolle spielt der Lebensmitteleinzelhandel?
Eine große! Viele Händler geben ihre Nachhaltigkeitsanforderungen an Lieferanten weiter, auch wenn diese regulatorisch (noch) gar nicht betroffen wären. Aktuell besonders relevant: Immer mehr Handelsketten fordern Klimaziele gemäß SBTi, also der Science Based Targets Initiative, was eine intensive Auseinandersetzung mit den eigene Emissionen voraussetzt. Hier gilt es schnell aktiv zu werden.
🌍 Was ist bei einer Klimastrategie nach SBTI in der Branche zu beachten?
Die SBTI veröffentlich sektorspezifische Standards für bestimmte Branche. Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft fallen in der Regel in den Bereich „Forest, Land and Agriculture“ – kurz FLAG. Der Anteil der sogenannten FLAG-Emissionen – also Emissionen aus Landnutzung und Landwirtschaft müssen gesondert ausgewiesen und in der Zielformulierung adressiert werden. Hier braucht es spezielle Emissionsfaktoren, die den FLAG-Anteil der Emissionen separat ausweisen.
🔋 Wo liegt das größte Emissions-Einsparpotenzial?
Zentrale Grundlage zur Reduktion von Emissionen ist immer die unternehmenseigene Klimabilanz, die große Emissionsträger erkennen lässt und die Grundlage für die Ableitung von Reduktionsmaßnahmen bildet. Unsere Erfahrung zeigt, dass bei produzierenden Unternehmen der Großteil der Emissionen im Bereich der Scope 3 Emissionen, insb. Scope 3.01 den eingekauften Rohwaren liegt. Noch größer ist dieser Anteil im Handel. Dementsprechend verbirgt sich im Bereich der Rohwaren ein großes Potential zur Reduktion der Emissionen, durch Anpassung der Rezeptur und den Einsatz alternativer – z.B. pflanzlicher statt tierischer – Rohstoffe. Der Wechsel zu Ökostrom und elektrischen Prozessen bietet ebenfalls erhebliches Reduktionspotenzial.
💡 Was raten Sie Unternehmen, die Schwierigkeiten haben, ihre Klimaziele zu erreichen?
Nicht verzweifeln – es gibt selten die eine große Lösung. Vielmehr geht es um ein Bündel an Einzelmaßnahmen: Darum Reduktions- und Substitutionsmaßnahmen vorzuantreiben aber auch daran zu arbeiten die Datenqualität zu verbessern, sektorspezifische PCFs (Product Carbon Footprints) zu entwickeln, den Austausch entlang der Wertschöpfungskette zu fördern und sich auf eine langfristige Transformation einzustellen. Der Wandel hin zu erneuerbaren Energien und resilienten Lieferketten ist ein gemeinschaftlicher und langfristiger Prozess, der eng mit der allgemeinen Unternehmensstrategie verwoben ist.
💬 Sie sind in einem Lebensmittelunternehmen tätig und möchten wissen, wie Ihr Unternehmen Nachhaltigkeit strategisch nutzen kann? Wir begleiten Sie gerne auf Ihrem Weg, von der ersten Bestandsaufnahme bis zur konkreten Umsetzung. Melden Sie sich für ein kostenfreies Erstberatungsgespräch!
